Kinderzimmer Productions

Kora und Marley - Bedroom Producer

Kora und Marley - zwei Bedroom Producer

von Jörg Astheimer

Die Telefone sind ausgeschaltet, die Internetverbindung steht still. Kora und Marley – zwei jugendliche Bedroom Producer – machen es sich mit ihrem musikalischen DIY-Equipment im Kinderzimmer bequem. Neben dem Bett steht ein Nähkästchen, darauf ein Notebook. Ein Kabel verbindet den Computer mit einem Audio-Interface – das Gerät, mit dem sie ihre Musik aufnehmen. Marley ist zu Besuch aus Berlin, hat einen E-Bass im Gepäck. Kora steuert eine Gitarre und ihre Stimme zur gemeinsamen Produktion bei. Ausgestattet mit der Technik und dem Wissen der heutigen Medienamateure gehen die beiden musikalischen Bastler ans Werk.


Die DIY-Buddys verkabeln ihr Audio-Equipment, stöpseln Bass und Mikrofon ins Mischpult, lassen ihre Instrumente über die Lautsprecher ertönen. Doch damit nicht genug. Heute wollen sie nicht nur in die Saiten zu greifen, sondern ihre Musik auch aufzeichnen. Ein gewagtes Projekt, doch die Technik für ihre Home Recording Session steht ihnen zur Verfügung. Viel ist es nicht, ihr DIY-Equipment hatte Platz auf dem letzten Wunschzettel für Weihnachten. Nun ist alles ausgebreitet. CD-ROM rein ins Notebook und Software installieren. In den Händen von „Tonmeister“ Marley verwandelt sich der kleine Computer in einen Phonographen. Die Fantasie schraubt die Erwartungen nach oben, doch die erste Anwendung ist nicht das passende Kaliber. Es zischt und kracht nach dem Soundcheck. Alles ist übersteuert, ein Echo-Effekt lässt die Musik zum Klang-Brei gerinnen. Die Audio-Heimwerker schmunzeln und müssen sich eingestehen, mit zu viel PS ins Rennen gegangen zu sein. Man wechselt zur kleineren Maschine, beschränkt sich auf zwei Audio-Kanäle, keine Effekte und gibt erneut Gas.

Bedroom Produzent

Bedroom Produzent

Alles bereit zur Aufnahme? Nein. Wie Profis achten die beiden Kinderzimmer-Produzenten auf Details. Kora juckt es in den Fingern. Ihr fehlt noch das passende Plektrum. Marley ist mit dem Kopfhörer nicht einverstanden. Sein Blick trübt sich, als er den fragilen, violetten Kopfhörer mit Totenkopf-Aufdruck in die Hand gedrückt bekommt. „Der ist porno“, so sein vernichtendes Urteil. Er geht auf die Suche nach einem anderen, treibt in den Untiefen der Wohnung einen alten Hi-Fi-Kopfhörer auf. Nun ist der Neu-Berliner zufrieden. „Bass ist Boss“, und den hat er nun fett auf beiden Ohren. Erneut kommt die Aufnahme ins Stocken. Gitarre und Bass überzeugen durch ihren Klang, doch fehlt die gleiche Stimmung. Auch hier ist schnell das passende Werkzeug zur Hand. Ein iPhone-App hilft den beiden, ihre gemeinsame Frequenz zu finden. Geschafft – auch die Schwingungszahl stimmt. Jetzt ist es Zeit für Marley aufzudrehen. Er schraubt an den Reglern seines Instruments, schafft mit Lautstärke und Resonanz ein Timbre, das zu ihm passt – eine solide Basis, über die Kora singen wird.

„Eins-Zwo-Drei-Vier“, die Nachwuchs-Sängerin zählt ein und die beiden audiophilen Heimwerker geben ihre ersten gemeinsamen Takte zum Besten. Fertig ist die Aufnahme! Dann Kopfhörer raus, Kabel rein, Auge und Ohr auf die Boxen gerichtet. Noch fehlt etwas. Der Weg zu den Lautsprechern ist lang und dort kommt nur ein Mono-Signal an. „Wo ist der Bass hängen geblieben?“ Marley, ganz der Profi, findet schnell heraus, dass es nicht an der Aufnahme liegen kann. Ein Ersatz für die defekte Box muss her. Schnell wird ein Küchen-Radio gefunden, das er zum Lautsprecher umfunktioniert. Siehe da – die erste Aufnahme ist den beiden gelungen! Marley, der Mann hinter den Reglern, verpasst dem Ganzen noch den richtigen Feinschliff, bringt die Lautstärke beider Kanäle in Einklang.

Bedroom Produzentin

Bedroom Produzentin

Szenenwechsel. Die weibliche Hälfte des DIY-Duos musiziert viel und legt Wert darauf, die Dinge selbst zu machen. Nach der Schulprobe hängt Kora ihr Saxophon an die Wand und greift zur Gitarre. Das Saiteninstrument ist Koras Liebling. Niemand hat es ihr vorgeschlagen, ihr eine Lehrerin ausgesucht oder Noten vorgeschrieben. Gefunden hat sie die Gitarre vor einem Jahr bei ihrer Grossmutter, ließ sie „mitgehen“. Bei der Frage des Unterrichts winkt sie ab. Kora ist ihre eigene Lehrerin und ihre YouTube-Playlist ihr persönliches Telekolleg. Mit allen Poren saugt sie die Musik auf, die sie dort hört – inszeniert von Gleichaltrigen, die durch das Internet-Portal ihren eigenen Kanal gefunden haben. Kora blickt in die Kinder- und Wohnzimmer anderer Jugendlicher, die sich mit Gesang und Gitarre in die Öffentlichkeit des Social Web wagen.

Alte Lieder-Bände (der Eltern) haben ausgedient. Die Melodien der letzten Dekade dienen der Netz-Jugend als Vorlage, die es mit eigener Stimme und Gitarre zu interpretieren gilt. Als musikalischer Heimwerker bekannt wurde Justin Bieber, der mit diesem Konzept zum Superstar avancierte. Auch Kora spielt die Lieder, die sie aus der YouTube-Konserve kennt, greift täglich in die Saiten. Ihre Rezepte findet sie online. Im Netz spürt sie den Anleitungen zum Selber-Machen nach, den Texten, Noten und Grifftabellen zu ihren Lieblingsstücken – mal in dieser, mal in jener Tonart. Dort wird gelehrt und gelernt, doch nicht nach Schulmeister-Art, denn die Kultur der Amateure lebt von der Nachahmung.

Kora ist nicht allein, ihre Suche nach der eigenen Ausdrucksform findet im Kollektiv statt. Die „Bedroom Producer 2010“ holen aus den Kellern der Popmusik eine Liedkultur hervor, die seit den 1970er Jahren dorthin verbannt wurde: Folk. Digital aufgewachsen und musikalisch sozialisiert mit Hip-Hop-Loops und Techno-Sequenzen distribuieren jugendliche Amateure auf YouTube Ausdrucksformen, die sie nicht im Angebot der Massenmedien finden. „Heimgewächse“ gab es immer in der Popmusik – spätestens seit den Garagen-Bands der Sixties. Auch die heutigen Audio-Heimwerker haben ihre eigene Stilistik gefunden: Die Stücke werden live aufgenommen, Techniken der Musikproduktion treten in den Hintergrund. Keine Overdubs, keine Samples, keine Loops – die Instrumente sind analog statt digital. Stattdessen kommt zur Musik das Bild, live per Webcam aufgezeichnet. Die Bedroom Producer von heute stricken nach anderen Mustern als die gealterten Vorbilder des Homerecordings – die Mike Skinners und Aphex Twins der beiden letzten beiden Jahrzehnte.
Eine, die bereits ihren Platz auf YouTube gefunden hat, ist Aida – Koras Freundin und Vorbild. Auch von ihr lernt sie neue Lieder und Akkorde, obwohl auch Aida selbst nie einen Lehrer oder eine Lehrerin hatte. Gemeinsam greifen sie in die Saiten, spielen ihre Lieblingslieder der US-Stars nach oder gar Aidas Eigenkompositionen. Auf YouTube hat sie selbstverständlich ihren eigenen Channel. Wer diesen anwählt, kann sich ihre Cover-Version von Pinks „Nobody Knows“ anhören. Die Aufnahme ist schnell geschehen – kein Tonstudio, keine Post-Production, kein Platten-Label, usw. Aida hat das Video auf YouTube gepostet und einen feisten Spruch über den Lehrer am Piano dazu geschrieben. Auch sie landet am nächsten Tag im Heim-Studio von Kora und Marley. Nun sind sie zu dritt, und die Instrumente werden neu gemischt. Nochmals hört man sich die Aufnahme von gestrigen Tag an und ist rundum zufrieden mit der Eigenproduktion.

Nur am Rande überkommt Marley ein leichter Zweifel. „An manchen Stellen klingt der Bass noch zu sehr nach den Hörbeispielen aus dem Liederalbum“, so seine Selbstkritik. In seinen Worten klingt an, dass die Kultur der Amateure auch im Verhältnis zu jener der Profis steht – dialektisch wohlgemerkt. Vielleicht bringt die Selbstkritik Marleys auch das typische Bewusstsein des DIY zum Ausdruck. Denn wer sich als Amateur die Dinge selbst aneignet, wird im Chor seiner inneren Stimmen vielleicht öfter auch die eines Lehrers oder einer Lehrerin – d. h. eines Profis – wahrnehmen.

In der Werkzeugkiste der Bedroom Producer liegen:

  • akustische Gitarre und E-Bass
  • Kondensator-Mikrofon, Mikro-Ständer, Kabel, Kopfhörer und Notenständer
  • Audio-Interface („Steinberg CI 1“) und -Software („Wavelab“, „Sequell“)
  • Notebook
  • Tuner- und Akkord-Apps fürs Iphone („Guitar Toolkit“)
  • eigene Liedersammlung mit Texten und Akkorden
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Über Joerg Astheimer

Dr. des. Jörg Astheimer war von 2008 an als wissenschaftlicher Assistent im SNF-Forschungsprojekt „Jugendbilder im Netz“ an der Universität Basel tätig. Seine Forschungsschwerpunkte sind Social Web / Online-Ethnografie, Medienkompetenz, Methodenentwicklung im Bereich der Bildanalyse, Video-Interaktionsanalysen und Game Studies. Er twittert unter http://twitter.com/sthmr
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